“Ick bin all da…” – Oder: Was haben Hase und Igel mit dem Wandel von Gesellschaft und Schule zu tun?
Die Schulen in unserem Land bedürfen dringend einer Erneuerung. Diese Forderung findet endlich ein Echo. Der PISA-Schlag hat dieses Echo laut genug gemacht, damit es in den in den öffentlichen Medien angemessenes Gehör findet. Jedoch: In welche Richtung soll Schule sich denn nun wirklich ändern? Zunächst scheint ein breiter Konsens möglich. Die messbaren Leistungen sollen verbessert werden. Zugleich: Wissenschaftlicher Fortschritt, Arbeitswelt, Medienlandschaft, Familienstrukturen und so weiter unterliegen einem dramatischen Wandel. Auch dem soll die Schule folgen.
Aber: Würde die Schule ernsthafte Anstrengungen unternehmen, dem gesellschaftlichen Wandel unmittelbar nachzueilen – sie würde angesichts seines aberwitzigen Tempos kollabieren, schneller noch als der Hase beim Wettlauf mit dem Igel. Die Halbwertszeit des Wissens ist in vielen Bereichen kürzer als die Schulzeit der Kinder. Die Folgen der digitalen und biotechnischen Revolutionen sind von keiner Ethikkommission der Welt mehr abzuschätzen. Andererseits: Der Leidensdruck an vielen Stellen unseres Schulsystems ist offenkundig: Veralteter Fächerkananon, Verbalismus, Unselbstständigkeit, Mangelnde Basiskenntnisse in Mathematik, Deutsch und Englisch, Motivationsmangel, Konzentrationsschwächen…. – Wie also könnte die List der Reform aussehen, damit im Wettlauf mit der Zeit am Ende die kommende Generation als Sieger hervorgeht?
Möglicherweise ist die Antwort verblüffend einfach. Wo immer die Gesellschaft sich hinbewegt – die Kinder und Jugendlichen sind schon da. Damit will ich nicht einer naiven Bedürfnisorientierung das Wort reden. In einer modernen Erziehung muss das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Gegenwart und Zukunft des Kindes, zwischen Lust und Leistung mitbedacht werden. Aber mir scheint, dass gerade angesichts der Zunahme des PISA-Drucks und zugleich angesichts der dramatischen Veränderungen unserer Zeit eine Pädagogik, die die aktuelle Situation der Kinder und Jugendlichen radikal ernst nimmt, den entscheidenden Schlüssel zu deren Qualifikation bietet.
Zwei gesellschaftliche “Megatrends”, sind unverkennbar. Erstens: Die technischen Prothesen, mit denen der Mensch seine sehr begrenzten natürlichen Sinne und eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten schier unbegrenzt erweitern möchte, erreichen derzeit eine nie gekannte Perfektion und (und Anfälligkeit!). Zweitens: Die sozialen Zusammenhänge, in denen der einzelne sich bewegt (und bewegt wird!), sind global – und d.h. endgültig unüberschaubar geworden. Angesichts dieser Trends mag die folgende These zunächst überraschen: Die vordringliche Anforderung an Schule lautet zunächst “stehenzubleiben” – bei dem jungen Menschen selbst. Es gilt, hier und heute die Gestaltungskraft der eigenen Sinne, der eigenen Hände, des eigenen Körpers zu entwickeln – und zwar ungleich mehr, als dies die traditionelle Schule kann. Damit der Jugendliche als Erwachsener global denken kann, muss er zunächst lokal handeln lernen – und d.h. vor allem: Er muss beziehungsfähig werden, bereit zur Übernahme echter Verantwortung in seiner aktuellen Umgebung. Er muss als Person gestärkt werden, damit er in seiner Beziehung zu anderen mutig und verantwortungsvoll, selbstbewusst und einfühlsam, neugierig und geduldig werden kann.
Die Vision einer „neuen Schule“ scheint gewagt. Eine „neue Schule“ am Anfang des dritten Jahrtausends müsste – wie seinerzeit Hermann Lietz in seinem Internat – den gesellschaftlichen Innovationsdruck zunächst durch dessen Negation beantworten. Wir bleiben stehen: Bei den Kindern und Jugendlichen in ihrer jetzigen Gegenwart – wie der Igel in der Parabel. Dabei geht es mir weder um eine Diskriminierung von Leistung noch um die Verteidigung einer pädagogischen „Kuschelecke“, weder um eine naive Kulturkritik oder eine Verteuflung moderner Technik. Im Gegenteil. Die seinerzeit von den Reformpädagogen vehement geforderte „Pädagogik vom Kinde aus“ hat – oftmals missverstanden - in PISA-Zeiten eine dramatische Aktualität. Denn die Studie bescheinigte den deutschen Schulleuten einen erschreckenden Mangel an „diagnostischer Kompetenz“. Hier ist Nachbesserung gefordert: Wir müssen als Lehrer lernen, viel genauer zu beobachten und biografische Daten zu deuten, um die für das einzelne Kind, den einzelnen Jugendlichen richtigen Konsequenzen zu ziehen.
Um die Kinder und Jugendlichen herauszufordern, das Beste aus sich und für sich zu erreichen, müsste diese neue Schule sie zunächst wirklich “dort abholen, wo sie sind”. Dieser neuen Schule böte nicht der Klassenraum, sondern ein kleines Gemeinwesen, zu dessen Gelingen jeder “Bürger” in konkreter Verantwortung steht. Und: In dieser neuen Schule herrscht nicht mehr die Illusion, dass es möglich wäre, dass Kinder und Jugendliche sich „im Gleichschritt“ entwickeln. An die Stelle des Klassenunterrichts würde ein individueller Lernplan treten. In dieser neuen Schule ginge es vielleicht nicht nur um ein Bestehen in den bundesweiten Tests in Deutsch, Mathematik und Englisch – die wichtigsten Fächer wären Musik, Kunst und Bewegung.
Die Vision einer solchen Schule ist so neu allerdings nicht. Eben diese “anderen” Hauptfächer forderte vor mehr als 2000 Jahren bereits der griechische Philosoph Platon und vor hundert Jahren die reformpädagogischen Väter der Landerziehungsheimbewegung und Internatsgründer wie Hermann Lietz, Paul Geheeb und Kurt Hahn.
“Ick bin all da”, sagte der Igel zum Hasen.
Dr. Otto Seydel (Leiter des Überlinger Instituts für Schulentwicklung)
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